In Kürze
Die EUDI-Wallet gilt laut Digitalminister Karsten Wildberger als wichtigstes Digitalprojekt des Jahres. Trotzdem kannte sie im Frühjahr laut Bitkom mehr als die Hälfte der Deutschen nicht. Lina Crusius, Geschäftsführerin des Verbands Sichere Digitale Identität e.V. (VSDI), fordert im PR-Journal-Interview eine gezielte Kommunikationskampagne. Aus gutem Grund: Innovationskommunikation macht erfolgreich Digitalprojekte sichtbar, sorgt für Akzeptanz und ist bei dieser Art von Projekt erfolgsentscheidend. Sie bereitet den Boden, schafft überhaupt Awareness, adressiert Vorbehalte und lässt den Funken überspringen.
Ein Digitalprojekt, das kaum jemand kennt
EUDI-Wallet – nie gehört? So geht es einer Vielzahl der Menschen in Deutschland. Denn obwohl dieser digitale Schlüsselbund die Organisation des öffentlichen Lebens ein gutes Stück voranbringen könnte, fristet sie ein Dasein im Unbekannten: Laut Bitkom haben 52 Prozent der vom Verband befragten Menschen in Deutschland von dem europäischen Projekt noch nie etwas gehört, weitere 18 Prozent kennen den Begriff, wissen aber nicht, worum es dabei geht.
Dabei liegt darin viel Potenzial: Die EUDI-Wallet soll ab den kommenden Jahren europaweit funktionieren wie ein digitaler Schlüsselbund: Personalausweis, Führerschein, Diplome, Mitgliedsausweise, alles an einem Ort, und Nutzer:innen entscheiden bei jeder Anfrage, welchen einzelnen Nachweis sie herausgeben. Vom Arztbesuch über die Abholung eines Mietwagens bis hin zum Elterngeld-Antrag könnten die Bürger:innen sich eine Menge Papier, aber auch Zeit und Nerven sparen. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, nennt sie nicht umsonst das wichtigste Digitalprojekt des Jahres.
Warum Technologie allein nicht reicht
Ein Projekt kann noch so durchdacht sein — wenn niemand weiß, dass es existiert, entfaltet es keine Wirkung. Genau das scheint bei der EUDI-Wallet eine offene Baustelle: Die Infrastruktur entsteht, der Zeitplan steht, aber das Bewusstsein in der Bevölkerung fehlt fast vollständig. Diese Lücke schließt sich nicht von selbst, sobald die App im Store verfügbar ist. Sie schließt sich nur, wenn Kommunikation von Anfang an als fester Teil des Projekts gedacht wird und sich nicht in einer Launch-Pressemitteilung erschöpft.
Kommunikation ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Einführung solcher Innovationen. Digitalprojekte brauchen Erklärung, Einordnung und immer wieder ein aktives Sichtbarmachen. Bei Digitalisierung, Verwaltung und Staatsmodernisierung gilt das besonders: Die Themen sind technisch, sperrig, oft schwer greifbar. Öffentlichkeitsarbeit muss deshalb die Brücke schlagen, sie muss zeigen, was sich für die Menschen ändert und vor allem auch Vertrauen bilden.
Was gute Innovationskommunikation leisten muss
Innovationskommunikation für digitale Produkte des öffentlichen Lebens sollte genau das sein, nah am Leben. Sie übersetzt ein komplexes System in Situationen, die Menschen aus ihrem Alltag kennen. Gute Innovationskommunikation fängt deshalb bei der Zielgruppe an, nicht bei der Technik: Was verändert sich für eine Familie, die Elterngeld beantragt? Was für jemanden, der einen Mietwagen bucht? Welche Befürchtungen könnten entstehen? Welche Kritik könnte aufkommen?
Genauso wichtig ist Kontinuität. Vertrauen entsteht durch wiederholten Kontakt: durch Erklärstücke, durch Stimmen aus der Praxis, durch Antworten auf die Frage, was mit den Daten passiert.
Auch deshalb gilt es:- Stakeholder wie Mitarbeitende in Bürgerbüros, Verwaltung, und auch an den Stellen, an denen ihr Service genutzt werden kann, frühzeitig einzubinden,
- den Service und seine Sicherheitsstandards und Grenzen zu erklären,
- aber auch beispielhaft nach außen zu tragen, wie ein solches Digitalprojekt das Leben spürbar verbessern kann.
Am Ende entscheidet nicht die Technik über den Erfolg der EUDI-Wallet, sondern die Frage, ob die Menschen ihr vertrauen.