In Kürze: Das ZDF-Sommerinterview mit Friedrich Merz zeigt: Die Bundesregierung hat ihr Kommunikationsproblem erkannt. Doch Vertrauen entsteht nicht durch mehr Worte, sondern durch eine nachvollziehbare Erzählung – und ein strategisches Vorgehen, das Vertrauen aufbaut und Kritik antizipiert, anstatt Krisen aufzuräumen.
Gleich zu Beginn des ZDF-Sommerinterviews vom 19. Juli hat Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert, wie der ehemalige Fraktionschef der CDU/CSU, Jens Spahn, das Thema Leihmutterschaft öffentlich gemacht hat. Er habe gehofft, Spahn werde kommunikativ gut damit umgehen. Doch es sei kaum Zeit geblieben, eine angemessene Strategie zu besprechen.
Vorlaufzeit müsste es eigentlich auch in diesem Szenario ausreichend geben. Davon abgesehen beschreibt Merz damit ein verbreitetes Missverständnis: Kommunikation ist nicht strategisch geplant. Sondern sie soll ein Problem lösen, wenn es längst öffentlich ist, Erwartungen enttäuscht wurden und die Deutungshoheit verloren gegangen ist. Dabei hätte sie viel früher beginnen müssen – mit der Frage, welche Widersprüche für einen Funktionsträger sichtbar werden und wie diese offen eingeordnet werden können.
Mehr Erklärungen schaffen kein Vertrauen
Auch das größere Kommunikationsproblem seiner Regierung erkennt Merz an. Politische Veränderungen bräuchten die Zustimmung der Bevölkerung, sagt er – deshalb müsse die Regierung „noch viel mehr erklären“.
Doch erklären allein reicht nicht. Es geht um überzeugende Botschaften und den Aufbau sowie die Pflege von Vertrauen. Menschen wollen nicht nur wissen, was beschlossen wurde. Sie brauchen die Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext: Welches Problem wird mit einer Reform, einem Gesetzesvorhaben oder einem Beschluss gelöst? Wie verteilen sich Belastungen, was heißt das mittel- und langfristig? Das gilt für die persönliche Lebenssituation wie auch generell.
Merz spricht von Reformen, höherer Leistungsfähigkeit und der Sicherung des Sozialstaats. Gleichzeitig werden seine Aussagen über Arbeitszeiten oder Krankheitstage teilweise als pauschale Kritik an den Beschäftigten verstanden. Hier zeigt sich die Lücke, die geschlossen werden muss.
Gute Politik spricht nicht für sich selbst
Der FAZ-Kommentator Reinhard Müller legt kurz nach dem Sommerinterview den Finger in dieselbe Wunde. Gute Politik müsse erst als solche bekannt werden, argumentiert er. Es brauche Botschaften, Führung und eine überzeugende Vermittlung. Auch im Umgang mit extremistischen Parteien seien ein klarer demokratischer Kompass und die Auseinandersetzung über die Folgen ihrer Politik wirksamer als der Rückzug auf Verbotsforderungen.
Kommunikation ist dabei als fester Bestandteil im politischen Prozess wichtig, nicht nachgelagert. Sie muss Teil des politischen Prozesses sein. Sie macht Zielkonflikte sichtbar, nimmt Einwände ernst und übersetzt Entscheidungen in die Lebenswirklichkeit der Menschen. Vor allem aber verbindet sie einzelne Maßnahmen zu einer nachvollziehbaren Erzählung.
Auch Innovationen brauchen ein verständliches Wofür
Der Kanzler verweist darauf, dass die Wirtschaft durchaus Substanz vorzuweisen hat: Allein im ersten Halbjahr 2026 seien schon so viele Unternehmen gegründet worden wie in im gesamten Jahr 2025. Mit diesem Start-up-Boom entstehen Technologien und Lösungen für Energie, Mobilität, Medizin oder industrielle Produktion. Doch viele davon bleiben in Fachkreisen, Förderprogrammen oder Unternehmenspräsentationen weitgehend unsichtbar.
Eine technisch hervorragende Lösung setzt sich ebenso wenig von selbst durch wie eine sinnvolle politische Reform. Menschen müssen verstehen, welchen konkreten Nutzen sie bringt und zu welcher Zukunft sie beiträgt. Deshalb braucht Innovationskommunikation vor der ersten Pressemitteilung einen kommunikativen Prozess, in dem Positionierung und die Zielgruppenansprache definiert werden. So wird fachliche Substanz in gesellschaftliche Relevanz übersetzt. Denn gute Ideen brauchen eine überzeugende Botschaft.
Vertrauen braucht ein klares Wofür
Das Sommerinterview zeigt einen Kanzler, der weiß, dass seiner Regierung Zustimmung und Vertrauen fehlen. Seine Botschaft vom großen Potenzial Deutschlands weist grundsätzlich in die richtige Richtung. Die zentrale Kommunikationsaufgabe besteht darin, aus Problemen, Maßnahmen und Zukunftschancen ein glaubwürdiges gemeinsames Wofür zu entwickeln. Das gilt für eine Bundesregierung genauso wie für Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Innovator:innen.