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In Kürze:
Ein neues 200-seitiges Strategiepapier von Ökonomin Monika Schnitzer, Ex-EU-Kommissarin Margrethe Vestager, KI-Forscher Yoshua Bengio und weiteren prominenten Autor:innen zeigt einen Weg auf, wie Europa im KI-Rennen aufholen kann – ohne die rund 800 Milliarden Euro für ein eigenes Frontier-Modell aufzubringen. Der Hebel liegt stattdessen in der Chip-Lieferkette und im massiven Ausbau von Rechenzentren.

Europa hat kein Geld für ein eigenes ChatGPT – und muss es auch nicht bauen. Das ist ein Kernpunkt des Strategiepapiers “A Transformative AI Strategy for Europe”, das unter der Leitung von Monika Schnitzer entstanden ist und an dem unter anderem Margrethe Vestager, der ehemalige irische Premierminister Leo Varadkar, Ifo-Chef Clemens Fuest, Wolfgang Ischinger und Yoshua Bengio mitgeschrieben haben. Über das Papier berichten F.A.Z. und SZ. Die Rechnung der Autor:innen: Ein europäisches Frontier-Modell würde geschätzt 800 Milliarden Euro kosten. Scheitert das Vorhaben – und die Zurückhaltung der Industrie wie auch die Erfahrugen mit europäischen Großprojekten aus dem Rüstungsbereich machen das nicht unwahrscheinlich – ürde Europa das Geld verbrennen, ohne dadurch ein leistungsfähiges Modell zu erhalten.

Der Hebel heißt Lieferkette, nicht Rechenleistung allein

Statt auf ein eigenes Modell zu setzen, empfiehlt das Papier, Europas Position in der Chip-Lieferkette als Verhandlungsmasse einzusetzen. Drei Unternehmen tauchen dabei immer wieder auf: Der niederländische Maschinenbauer ASML, ohne dessen Lithografie-Anlagen moderne Chips gar nicht erst produziert werden können, dazu die Zeiss-Optik und die Lasertechnologie von Trumpf aus Deutschland. Diese Technologien sind kaum zu ersetzen – und genau das sollen die Europäer zusammen mit weiteren Technologien europäsicher Unternehmen als ihr Pfund in die Waagschale werfen.
Deutschland, Frankreich und die Niederlande sollen – so der Vorschlag – bis Ende 2026 eine „Allianz für sichere Lieferketten” gründen. Das Ziel: Gesicherten Zugang zu US-amerikanischen und chinesischen Spitzenmodellen erhandeln.

45 Gigawatt bis 2030 – von aktuell 2

Die zweite Säule der Strategie ist der Ausbau eigener Rechenkapazität. Bis 2030 soll Europa 15 Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung stellen, das entspräche etwa 45 Gigawatt. Aktuell liegt die EU bei rund zwei Gigawatt.
Um diese Lücke zu schließen, sollen vor allem stillgelegte Industrieflächen genutzt werden, etwa alte Kohlereviere im Rheinland und in der Lausitz. Der Grund ist pragmatisch: Dort existieren bereits Netzanschlüsse, während neue Anschlüsse in Frankfurt aktuell bis zu zehn Jahre Wartezeit bedeuten. Eine schlüssige Idee, die eine häufig genannte Schwäche – zu lange Genehmigungsverfahren – umgehen würde und gleichzeitig für alte Flächen eine wirtschaftlich sinnvolle Weiterverwendung schüfe. Binnen sechs Monaten sollen deutschlandweit Standorte für Rechenzentren ab 100 Megawatt identifiziert werden.

Deutschland als Dreh- und Angelpunkt

Deutschland kommt in dem Papier eine besondere Rolle zu, nicht nur wegen Zeiss und Trumpf, sondern auch wegen der Industrie- und Robotikbasis mit Unternehmen wie Dürr, Agile Robots, Franka oder Neura Robotics. Denn nicht nur durch die Größe, auch durch die Leistungsfähigkeit bei Technologie und Innovationen kann die deutsche Wirtschaft punkten. Hier die Stärke des deutschen und europäischen Industrie-Ökosystems auszubauen und dann auch international einzusetzen, wirkt nachvollziehbar. Die Autor:innen sehen hier einen strategischen Vorteil.
Für die Finanzierung neuer KI-Projekte orientiert sich das Papier an der deutschen Agentur für Sprunginnovationen (Sprind), die mit gestuften Innovationswettbewerben statt Gießkannenförderung arbeitet – aktuell etwa mit einem 125-Millionen-Euro-Wettbewerb für unabhängige europäische KI-Labore.

Kein Wenn und Aber mehr

Ifo-Chef Clemens Fuest bringt die Dringlichkeit auf den Punkt: Man müsse nicht auf eine Einigung auf EU-Ebene warten, eine „Allianz der willigen Mitgliedstaaten” reiche. Was das Papier klar ablehnt, ist die Devise „Schauen wir mal und sehen dann” – dafür sei das Zeitfenster zu knapp. Sobald die führenden KI-Modelle ihr volles transformatives Potenzial entfaltet haben, könnte es für politische Weichenstellungen bereits zu spät sein.
Für Unternehmen und Kommunikationsverantwortliche heißt das: Wer jetzt über KI-Souveränität spricht, sollte nicht nur über eigene Modelle nachdenken, sondern auch darüber, welche Position man selbst in der Lieferkette einnimmt – und wie man das kommuniziert.

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