In Kürze:
Europas Rechenzentrumskapazität wächst, aber langsamer als in Nordamerika und Asien. Hohe Strompreise, jahrelange Genehmigungsverfahren für Netzanschlüsse und komplexe Regulierungen bremsen den Ausbau. Nötig ist eine europäische Standortstrategie, die Rechenleistung, Netze und Nachhaltigkeit gemeinsam plant. Damit sie trägt, müssen Anbieter ihren Bedarf gegenüber der Politik klar benennen, den technologischen und wirtschaftlichen Nutzen neuer Rechenzentren vermitteln und Betroffene frühzeitig beteiligen.
Europas Anteil an der globalen KI-Infrastruktur schrumpft
Digitale Souveränität beginnt beim Stromanschluss. Denn wer Künstliche Intelligenz im eigenen Rechtsraum entwickeln und betreiben will, braucht leistungsfähige Rechenzentren. Europa droht hier den Anschluss zu verlieren. Anbieter sollten deshalb mit Technologie- und Innovationskommunikation verständlich machen, warum Rechenzentren eine Voraussetzung für KI-Anwendungen, digitale Wertschöpfung und Handlungsfähigkeit in Europa sind. Denn die Unterstützung von Politik wie Bevölkerung und Industrie sind wichtig, um diese Wettbewerbsfähigkeit zukünftig zu sichern.
Laut der im Juli 2026 veröffentlichten AI Datacenter Study von Roland Berger steigt die weltweit installierte Rechenzentrumskapazität von 88 Gigawatt 2025 auf 224 Gigawatt 2030 und 341 Gigawatt 2035. Europas Kapazität soll sich bis 2030 zwar von elf auf 23 Gigawatt mehr als verdoppeln. Weil Nordamerika und Asien schneller wachsen, sinkt der europäische Weltmarktanteil jedoch von 13 auf rund zehn Prozent.
Wo entstehen in Europa und Deutschland neue Kapazitäten?
Roland Berger erwartet, dass sich die installierte Rechenzentrumsleistung in Europa von elf Gigawatt 2025 auf 23 Gigawatt 2030 erhöht. Konkret sehen die Ausbaupläne so aus: Am 30. Juli 2026 startete die EU die Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafabriken. Bis zu zehn Milliarden Euro aus europäischen und nationalen Mitteln sollen mindestens 20 Milliarden Euro private Investitionen mobilisieren. Konsortien können sich bis zum 12. November 2026 bewerben; die Auswahl ist für Anfang 2027 vorgesehen.
In Deutschland wird Nordrhein-Westfalen neben dem Rhein-Main-Gebiet als neuer Rechenzentrumsstandort gehandelt. Auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohlekraftwerks Frimmersdorf sind Rechenzentren mit bis zu einem Gigawatt Anschlussleistung geplant. Microsoft baut bereits in Bergheim und hat weitere Standorte unter anderem in Grevenbroich angekündigt. Eine Leistungsangabe nennt der Konzern dafür bislang nicht. Hinzu kommt ein von Blackstone geplantes 200-Megawatt-Rechenzentrum in Lippetal.
Der Bestand wächst auch dort, wo bereits Infrastruktur steht. Digital Realty etwa baut seinen Digitalpark Fechenheim in Frankfurt weiter aus: Im Frühjahr 2027 soll das Rechenzentrum FRA20 mit zusätzlichen 16 Megawatt IT-Leistung in Betrieb gehen. Perspektivisch sollen am Standort elf vernetzte Rechenzentren mit insgesamt 200 Megawatt entstehen – abgesichert durch eine eigens gebaute, 16 Kilometer lange Stromtrasse zum Umspannwerk Karben.
Im Mai diesen Jahres eröffnete der Betreiber außerdem im Londoner Stadtteil Docklands sein erstes europäisches „Innovation Lab” (DRIL), eine Testumgebung, in der Unternehmen KI- und Hybrid-Cloud-Infrastruktur unter Live-Betriebsbedingungen validieren können, bevor sie in großem Maßstab investieren. Diese Beispiele zeigen: Neben den Gigawatt-Ankündigungen für neue Großcampusgelände investiert Europas Bestandsinfrastruktur auch in Testkapazität und Anwendungsreife. So entstehen Szenarien für den sicheren und wirtschaftlichen Einsatz von KI-Infrastruktur. Europas Ausbau nimmt damit Gestalt an – von den mehreren gigawattgroßen Campusprojekten in den USA, den Golfstaaten und Indien bleibt er jedoch deutlich entfernt.
Sieben Jahre warten – oder den Standort wechseln
In Europa beträgt die Wartezeit für einen Netzanschluss laut Roland Berger bis zu sieben Jahre, in den USA häufig nur ein bis drei Jahre. Für Anlagen ab 50 Megawatt nennt JLL für die Rhein-Main-Region sogar Wartezeiten von bis zu 13 Jahren. Volker Ludwig, Zentraleuropa-Chef von Digital Realty, bringt den entscheidenden Faktor gegenüber dem Handelsblatt auf den Punkt: „Neue Standorte für Großrechenzentren können kurzfristig nur da entstehen, wo bereits Strominfrastruktur vorhanden ist.“ Neben Netzen und Flächen brauche es politischen Rückenwind, wie im Rheinischen Revier: „Man fühlt sich willkommen“, so Ludwig.
Hinzu kommen überdurchschnittlich hohe Energiepreise. Strom verursacht standortabhängig etwa 40 Prozent der Betriebskosten. Als dritte Ausbauhürde wirkt die komplexe Regulierung: Datenschutz, Vorgaben für Cybersicherheit, Energie- und Netzanschlussrecht sowie Bau- und Immissionsschutz müssen gleichzeitig berücksichtigt werden. Die kommunikative Aufgabe für Anbieter: Sie müssen diese Hürden gegenüber Politik und Verwaltung deutlich machen und planbare Verfahren, verfügbare Netzkapazitäten und verlässlichen Rahmenbedingungen einfordern.
Akzeptanz wird zum Standortfaktor
Der Ausbau hat einen erheblichen ökologischen Preis. Nach der Data Center Statistics 2026 verbrauchen Rechenzentren weltweit rund 1.000 Terawattstunden Strom – 3,5 bis vier Prozent des globalen Verbrauchs. Mehr als 200 Terawattstunden entfallen auf KI. Ein KI-Trainingsrack benötigt mit 40 bis 100 Kilowatt fünf- bis zehnmal so viel Leistung wie klassische Systeme. Akzeptanzkommunikation darf diese Belastungen nicht kleinreden: Sie muss klar benennen, welche Auswirkungen ein konkretes Projekt vor Ort hat, welchen Nutzen die Region davon erwarten kann und wie Energieversorgung, Wasserverbrauch, Flächenbedarf und Abwärmenutzung gelöst werden sollen.
Umweltorganisationen fordern, beim Ausbau der KI-Infrastruktur die Klimabilanz der Standorte mitzudenken. „Nur mit erneuerbaren Energien kann die Verbindung von KI und Cloud-Diensten mit Klimaschutz gelingen“, sagt Greenpeace-Sprecher Mauricio Vargas. Eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie des Öko-Instituts für Greenpeace kommt zu dem Schluss, dass der lokale Strommix maßgeblich über die Emissionen eines Rechenzentrums entscheidet. Neue Kapazitäten sollten deshalb dort entstehen, wo erneuerbare Energie, Netzanschlüsse und Möglichkeiten zur Abwärmenutzung zusammenkommen.
Fazit
Europas Antwort auf den durch KI verursachten Kapazitätsboom ist ein komplexer Mittelweg zwischen zügigem Ausbau und Umweltsensibilität. Benötigt wird eine abgestimmte Rechenzentrumsstrategie: schnellere Verfahren, wettbewerbsfähige erneuerbare Energie, belastbare Netze, verbindliche Effizienz- und Abwärmekonzepte. Kommunikation in unterschiedlichen Facetten wird dabei selbst zum Standortfaktor: Mit dem Instrumentarium der politischen Kommunikation müssen Anbieter ihren Bedarf an wettbewerbstauglichen Rahmenbedingungen öffentlich machen. Technologie- und Innovationskommunikation muss den Beitrag von Rechenzentren zu digitaler Souveränität, Wertschöpfung und Innovationsfähigkeit belegen. Akzeptanzkommunikation muss Zielkonflikte einordnen, Lösungen aufzeigen und Kommunen sowie Bevölkerung früh beteiligen.