In Kürze
Die Studie „Meinungsbildung im Wandel – Wie KI-Systeme Quellen bei der Nachrichtensuche selektieren“ der Denkfabrik Agora untersucht, welche Nachrichtenquellen KI häufig verwendet. Das Ergebnis: KI-Systeme greifen bei Suchanfragen nicht auf eine breite Auswahl zurück, sondern bevorzugen modespezifisch bestimmte Domains in ihren Antworten. Die Hauptreferenz sind journalistische Plattformen.
KI geben bei ihren Antworten mitunter Quellen als Referenz an. Doch woher genau ziehen sich ChatGPT, Claude, Gemini, Google AI Overview oder Perplexity ihre Informationen bei der Nachrichtenrecherche? Die Denkfabrik Agora hat sich mit der Studie „Meinungsbildung im Wandel – Wie KI-Systeme Quellen bei der Nachrichtensuche selektieren“ genau diesem Thema gewidmet und ebenjene Sprachmodelle nach Nachrichten zu Innenpolitik, Außenpolitik, Wirtschaft, Klima und Migration befragt. Die Fragen waren dabei etwa „Bitte gib mir die aktuellen Nachrichten zum Thema [Thema] für heute mit Quellen als Links“ oder „Was ist heute passiert zum Thema [Thema]? Gib alle Quellen als Links an.“ Grundlage sind 4.811 Quellenverweise aus 675 Anfragen zu politisch und gesellschaftlich relevanten Themen.
Konzentration auf wenige Quellen
Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Die Konzentration auf wenige Quellen prägt das Bild. Zwar identifiziert die Studie insgesamt 554 verschiedene Quellen, tatsächlich dominieren aber nur wenige große Domains die Zitationen. Die Mehrzahl der Quellen taucht nur selten oder sogar nur ein einziges Mal auf. Die Verteilung folgt damit einer klassischen Power-Law-Logik: Einige wenige Angebote erhalten sehr viel Aufmerksamkeit, der lange Rest verschwindet im sogenannten Long Tail.
Öffentlich-rechtliche Plattformen dominieren
Für die Informationsordnung ist das relevant, weil KI-Systeme bestehende Aufmerksamkeitsverzerrungen nicht ausgleichen, sondern eher verstärken. Wer bereits sichtbar und reichweitenstark ist, wird überproportional häufig zitiert. Auffällig ist, dass öffentlich-rechtliche Medienangebote in vielen Systemen eine besonders wichtige Rolle spielen. Bei Perplexity und Google AI Overview steht tagesschau.de an der Spitze der meistzitierten Domains, bei Claude ist es zdfheute.de, bei Gemini deutschlandfunk.de. Öffentlich-rechtliche Quellen sind damit für mehrere Modelle ein zentraler Referenzpunkt bei aktuellen Nachrichtenanfragen. Neben ihrer Reputation als glaubwürdige, neutrale Quellen könnte dabei natürlich auch eine Rolle spielen, dass ihre Informationen frei zugänglich sind und nicht hinter Paywalls liegen.
Deutliche Tendenz bei ChatGPT
ChatGPT fällt in der Studie aus dem Rahmen. Dort dominiert mit großem Abstand welt.de die Quellenauswahl. Laut Auswertung wurde die Domain häufiger zitiert als alle übrigen Quellen der Top 10 zusammen. Die Autorinnen führen dies unter anderem auf die Kooperation zwischen OpenAI und Axel Springer zurück. Insgesamt ist welt.de mit 382 Nennungen die meist zitierteste Quelle.
Google AI Overview liefert breitesten Quellensatz
Auch im direkten Vergleich unterscheiden sich die Systeme deutlich. Google AI Overview zitiert über alle Anfragen hinweg mit 1.261 Links die meisten Quellen. Es folgen Perplexity mit 930 und Claude mit 900. ChatGPT kommt auf 777, Gemini auf rund 700. Diese Zahlen sagen allerdings noch wenig über Vielfalt aus, weil identische Domains in verschiedenen Antworten mehrfach gezählt werden.
Betrachtet man stattdessen die Zahl der eindeutigen Domains, zeigt sich bei allen Systemen ein deutlicher Rückgang. Google AI Overview kommt hier auf 258 unterschiedliche Domains, Claude auf 209, Gemini auf 173, ChatGPT auf 120 und Perplexity auf 117. Das heißt: Alle untersuchten Systeme greifen auf eine kleine Quellenbasis zurück – und geben dann von dieser mehrere Verweise aus.
Journalismus ist Hauptquelle
Die Hauptquelle ist über alle Sprachmodelle hinweg der Journalismus. Das ist mit Blick auf die übergeordneten Nachrichtenprompts zu Großthemen auch nicht völlig überraschend. Besonders ChatGPT (77 Prozent) und Perplexity (73 Prozent) stützen sich überwiegend auf journalistische Angebote. Bei Gemini (49 Prozent), Claude (51 Prozent) und Google AI Overview (54 Prozent) fällt dieser Anteil deutlich geringer aus. Stattdessen greifen diese Modelle häufiger auf staatliche Angebote zurück, etwa die Website der Bundesregierung (bundesregierung.de), des Bundestags (bundestag.de) oder des Auswärtigen Amts (auswaertiges-amt.de)
Konsequenz für Kommunikationsexperten
KI-Systeme verwerten für Nachrichtenfragen bestehende journalistische Inhalte. Wer in der medialen Berichterstattung nicht vorkommt, taucht auch in KI-Antworten kaum auf.- Media Relations als strategische Disziplin werden somit noch wichtiger als in der Zeit der klassischen Online-Suche.
- Verschärft wird dieser Effekt durch die Konzentration der Quellenauswahl. Da wenige reichweitenstarke Medien immer wieder zitiert werden, während die überwiegende Mehrheit der 554 identifizierten Quellen nur vereinzelt oder gar nur einmal erscheint, sind die Leitmedien hier noch einflussreicher
- Da das Studiendesign große Themenkomplexe beinhaltet, die klassischerweise von der Tages- und Wirtschaftspresse behandelt werden, sieht die gleiche Analyse für spezifischere Fachthemen unter Umständen deutlich anders aus. Dort dürften neben Fachmedien auch Owned Media und Drittplattformen mehr ins Gewicht fallen.
KI bleibt Blackbox
Die Quellenauswahl der KI-Systeme bleibt undurchsichtig: Keiner der untersuchten Anbieter dokumentiert nachvollziehbar, nach welchen Kriterien Quellen ausgewählt, gewichtet oder priorisiert werden. Welche Inhalte erscheinen, hängt vom System, vom Thema und von der konkreten Formulierung der Anfrage ab. Hinzu kommt, dass KI-Systeme nicht nur journalistische Quellen, sondern auch ungeeignete oder unzuverlässige Inhalte zitieren. Claude etwa bezieht sich wiederholt auf Quellen des russischen Desinformationsnetzwerks Pravda, die ungekennzeichnet neben journalistischen Quellen erscheinen.
Medienpräsenz schärfen
KI-Systeme folgen bei der Nachrichtenauswahl eigenen, schwer nachvollziehbaren Gewichtungslogiken. Für die Kommunikationsarbeit heißt das: Sichtbarkeit in KI-Antworten entsteht nicht über neue, KI-spezifische Abkürzungen, sondern weiterhin vor allem über solide Präsenz in der journalistischen Berichterstattung. Wer heute in relevanten Medien präsent ist, hat gute Chancen, auch in einer zunehmend KI-vermittelten Öffentlichkeit sichtbar zu bleiben und den Diskurs mitzugestalten.