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In Kürze
„Enshittification“ bezeichnet die schleichende Verschlechterung digitaler Plattformen durch Marktmacht, Lock-in und fehlenden Wettbewerb. Der Report des norwegischen Consumer Council zeigt: Das ist kein unvermeidlicher Nebeneffekt von Innovation, sondern ein künstlich erzeugter Zustand. Mehr Wahlfreiheit, offene Technologien und die konsequente Durchsetzung bestehender Regeln sollen digitale Märkte wieder fairer und innovationsfreundlicher machen.

Viele digitale Dienste folgen heute einem vertrauten Muster: Sie starten kostenlos und nutzerfreundlich, werden schnell unverzichtbar – und verschlechtern sich dann schrittweise. Der kanadische Autor Cory Doctorow hat für dieses Szenario 2022 den Begriff Enshittification (deutsch etwa: Verscheißifizierung) geprägt. Er beschreibt damit die schleichenden Qualitätsverfall der Angebote digitaler Plattformen, sobald diese eine dominante Marktstellung erreicht haben.

Genau dieses Phänomen rückt das norwegische Consumer Council mit einer internationalen Kampagne in den Fokus der Öffentlichkeit. Gemeinsam mit mehr als 70 Organisationen will es Bewusstsein für Enshittification schaffen und politische wie wirtschaftliche Wege aufzeigen, wie Verbraucher:innen aus der Abhängigkeit von großen Plattformen befreit werden können.

Die Kernbotschaft des Reports „Breaking Free – Pathways to a fair technological future“: Die Verschlechterung digitaler Dienste ist kein unvermeidlicher Nebeneffekt von Innovation. Sie ist Ausdruck eines digitalen Marktes, in dem wenige Plattformen (auch Big Tech genannt) zu mächtig geworden sind.

Was Enshittification bedeutet

Es geht um ein ökonomisches Muster, das in drei Phasen abläuft:

  1. Erst anlocken
    Am Anfang ist die Plattform bequem, günstig oder kostenlos. Sie bietet echten Mehrwert und macht es Nutzer:innen leicht, in das System einzusteigen.
  2. Dann ausnutzen
    Sobald genügend Menschen gebunden sind, werden ihre Aufmerksamkeit, ihre Daten und ihre Gewohnheiten stärker kommerzialisiert. Werbung nimmt zu, Sichtbarkeit wird gesteuert, die Nutzererfahrung verschlechtert sich.
  3. Am Ende alle abschöpfen
    Ist die Plattform marktbeherrschend, geraten auch Geschäftskunden unter Druck. Reichweite kostet mehr, Bedingungen verschlechtern sich, Gebühren steigen. Der größte Nutzen bleibt bei der Plattform und ihren Anteilseignern.

Generative AI beschleunigt den Prozess

Besonders kritisch sieht der Report den Einfluss von Generative AI. Die Autor:innen werten KI nicht als neutralen Innovationsschub, sondern als potenziellen Beschleuniger der digitalen Verschlechterung. Ihre Kritik: KI-Funktionen werden in bestehende Dienste oft nicht eingeführt, weil sie Nutzerprobleme besser lösen, sondern weil sie neue Datenquellen, neue Abhängigkeiten und neue Monetarisierungsoptionen schaffen.
Hinzu kommt das Problem des sogenannten AI Slop: massenhaft erzeugte, oft minderwertige KI-Inhalte, die Plattformen, Suchergebnisse, Musikdienste oder Marktplätze überschwemmen. Der Report nennt Beispiele wie KI-generierte Songs auf Streaming-Plattformen, KI-getriebene Content-Fluten in sozialen Netzwerken oder KI-generierte Buchkopien auf Online-Marktplätzen. Diese verdrängen dann oft den Content der User:innen. Aus Sicht der Autor:innen verschärft Generative AI bestehende Fehlanreize eher, als dass sie sie behebt.

Warum das auch ein Innovationsthema ist

Der Report verweist darauf, dass Enshittification ein künstlich erzeugter Zustand ist. Er entsteht dort, wo Wettbewerb eingeschränkt, Wechsel zu alternativen Anbietern erschwert und Marktmacht nicht begrenzt wird.

Genau deshalb ist der Kampf gegen Enshittification auch ein Kampf für Innovation. Denn wenn Big Tech seine Marktmacht nutzt, um Dienste zu verschlechtern und Alternativen mit innovativen Ansätzen aber zu geringer Marktmacht klein zu halten, leiden nicht nur Verbraucher:innen – es leidet auch die Innovationsfähigkeit digitaler Märkte. Offene Märkte, echte Wahlfreiheit und faire Wettbewerbsbedingungen sind keine Innovationsbremse, sondern ihre Voraussetzung.

Der Reports wendet sich ausdrücklich gegen die Forderung nach „Deregulierung für Innovation“. Die Autor:innen argumentieren, dass der Rückbau digitaler Regulierung nicht zu mehr Fortschritt führt, sondern vor allem dazu, dass Verbraucherrechte geschwächt und problematische Geschäftsmodelle weiter zementiert werden.
Nicht zu viel Regulierung sei das Problem, sondern zu wenig Durchsetzung. Wo Regeln nur auf dem Papier existieren, profitieren vor allem dominante Plattformen.

Welche Lösungen der Report empfiehlt

Mehr Kontrolle für Verbraucher:innen

Nutzer:innen sollen digitale Produkte und Dienste stärker nach ihren Bedürfnissen nutzen und leichter zu Alternativen wechseln können. Dazu braucht es mehr Kontrolle, mehr Anpassbarkeit und weniger Lock-in.

Weniger Abhängigkeit von Big Tech

Der Report fordert Investitionen in offene, interoperable und portable Technologien. Gerade der öffentliche Sektor solle seine Beschaffung gezielt nutzen, um Alternativen zu Big Tech zu fördern. In Deutschland rechnet die Landesverwaltung von Schleswig-Holstein mit erheblichen Einsparungen durch den Verzicht auf Microsoft-Lizenzen und den Einsatz von Libre Office.

Regeln konsequent durchsetzen

Der dritte Hebel ist eine deutlich stärkere Durchsetzung bestehender wettbewerbsregulierender Gesetze. Die Verbraucherschützer:innen sind überzeugt, Regulierung behindert Innovation nicht – sie schafft die Leitplanken für fairen Wettbewerb. Aber ohne wirksame Durchsetzung können große Plattformen ihre schädlichen Praktiken fortsetzen.

Fazit: Ein besseres Internet ist möglich

Enshittification ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis politischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Entscheidungen – und damit auch veränderbar. Wer digitale Innovation ernst meint, sollte deshalb nicht nur über neue Technologien sprechen, sondern auch über Macht, Wettbewerb und Wahlfreiheit. Denn ein offeneres, faireres Internet stärkt nicht nur Verbraucher:innen, es schafft auch bessere Bedingungen für echte Innovation.

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