In Kürze
Der Wirtschaftstag 2026 zeigte: Deutschland braucht mehr Tempo, Reformmut und Sichtbarkeit für seine Innovationskraft. Ob KI in der Industrie oder Kernfusion – es gibt starke Zukunftsfelder. Entscheidend ist, sie strategisch zu positionieren, verständlich zu erzählen und medial stärker sichtbar zu machen.
Ein Standortgipfel mit klarer Botschaft
„Wieder nach vorne: Mut zu Reformen“ – das Motto des Wirtschaftstags 2026 klang wie eine Aufforderung, aber auch wie eine Zustandsbeschreibung. Am 4. und 5. Mai diskutierten im Berliner JW Marriott Vertreter:innen aus Politik, Industrie, Finanzwirtschaft, Technologieunternehmen und Verbänden über Wettbewerbsfähigkeit, Energiepolitik, KI, Regulierung, Investitionen und Europas Rolle in einer neuen geopolitischen Ordnung.
Astrid Hamker, Präsidentin des Wirtschaftsrats der CDU, machte im Auftakt klar: Deutschland kann mehr und brauche jetzt den Mut, visionäre Reformen auch umzusetzen. Denn 96 Prozent der Mitglieder des Wirtschaftsrates halten die Umsetzung von Reformen für zu langsam und 83 Prozent nennen die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands eingeschränkt. Aus Hamkers Sicht ein deutlicher Handlungsauftrag. Als Lichtblick zitiert sie unter anderem eine aktuelle Studie unseres Kunden Cisco: Fast zwei Drittel der Industriebetriebe in Deutschland setzen KI bereits ein. Damit liegt Deutschland vor dem europäischen und weltweiten Durchschnitt.
Mehr als parteipolitische Zuspitzung
In der öffentlichen Wahrnehmung gehen solche und weitere Belege für Innovationskraft leider immer wieder unter: Am Tag nach dem Wirtschaftstag dominierten parteipolitische Polarisierungen und Koalitionsfragen die Berichterstattung, da das Datum mit dem Jahrestag des Regierungsantritts der Koalition korrelierte.
Der Wirtschaftstag war ein hochkarätig besetzter Standortgipfel – mit Katherina Reiche, Christian Sewing, Roland Busch, Gernot Döllner und vielen weiteren Entscheider:innen aus Politik und Wirtschaft. Gerade diese Verdichtung verdient Aufmerksamkeit: Nicht nur, weil sie zeigt, wo die Standortdebatte geführt wird, sondern auch, weil sie sichtbar macht, welche Innovationsfelder Deutschland wieder nach vorne bringen können.
Innovation nicht nur verwalten, sondern erzählen
Wer über den Standort Deutschland spricht, sollte nicht nur Probleme thematisieren. Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht allein durch die Diagnose von Defiziten, sondern auch durch die Sichtbarkeit von Lösungen. Innovation wird in Deutschland häufig als System- oder Rahmenbedingungsfrage diskutiert – Regulierung, Energiepreise, Investitionsbedingungen, Infrastruktur oder Steuerlast. All das ist zentral. Aber Innovation muss auch konkret, erzählbar und anschlussfähig werden. Sonst bleibt sie abstrakt, technokratisch und politisch schwer vermittelbar.
KI als Beispiel für vorhandene Stärke
Gerade Künstliche Intelligenz zeigt, wie differenziert die Lage ist. Der Wirtschaftstag griff das Thema mit einem eigenen Panel zu „Agentic AI“ auf – mit Vertreter:innen aus Politik, Digitalisierung und Unternehmen, darunter Alexander Wallner, CEO Zentraleuropa von Salesforce. Er hob hervor, wie wichtig es ist, die Menschen in KI-Anwendungen und
-Prozesse einzubinden. Die eingangs erwähnte KI-Studie von Cisco macht deutlich: KI kommt in der deutschen Industrie an. Besonders relevant ist der Einsatz dort, wo KI nicht als abstrakter Hype verstanden wird, sondern Produktivität verbessert, Kosten senkt und mit industriellen Daten verknüpft wird. Zugleich bleibt die Aufgabe groß: Mehr als ein Drittel der Unternehmen hat KI noch nicht in die Betriebsabläufe integriert. Enzo Weber vom IAB mahnt, Deutschland liege international insgesamt eher im Mittelfeld. Genau darin liegt die kommunikative Herausforderung: Fortschritt zeigen, ohne die Lücke zu beschönigen.
Kernfusion: Zukunftstechnologie mit Standortpotenzial
Thomas Forner, CEO des Laserfusionsunternehmens Focused Energy, sprach im Panel „Rohstoffpolitik für eine Welt im Wandel“ über das energiepolitische Potenzial von Kernfusion. Fusion verspricht langfristig saubere, nahezu unbegrenzte Energie – und damit eine neue Perspektive für energieintensive Industrien, Rohstoffsicherheit und technologische Souveränität. Viele Schlüsseltechnologien für die Laserfusion sind bereits in Deutschland vorhanden – etwa Hochleistungslaser, Spezialmaterialien und präzise optische Systeme.
Die Standortdebatte braucht mehr Stimmen
Der Wirtschaftstag machte damit zugleich eine Stärke und eine Schwäche der deutschen Standortdebatte sichtbar. Die Themen sind gesetzt: Industrie- und Investitionsstandort, Energiepolitik, Wärmewende, Agentic AI, Rohstoffe, Gesundheitswirtschaft, Regulierung, Europa, Verteidigung. Doch die Auswahl der Sprecher:innen zeigte auch ein vertrautes Muster: viele etablierte Großunternehmen, viele politische Entscheider:innen, viel Ordnungspolitik – vergleichsweise wenig junge Technologieunternehmen, weniger sichtbare Mittelstandsperspektiven und nur punktuell die Frage, wie Innovation gesellschaftlich und kommunikativ anschlussfähig wird.
Sichtbarkeit wird zum Standortfaktor
Genau hier setzt Innovationskommunikation an. Bahnbrechende Technologien brauchen nicht nur Kapital, Regulierung und politische Flankierung. Sie brauchen Fürsprecher:innen, verständliche Narrative und glaubwürdige CXO-Positionierung.
Strategische Media Relations können helfen, aus technischen Fortschritten öffentliche Relevanz zu machen – durch klare Botschaften, belastbare Daten, starke Stimmen und den Mut, deutsche Innovationsbeispiele offensiv zu erzählen. Deutschland wieder nach vorne zu bringen, heißt deshalb auch: weniger Defizitdramaturgie, mehr Sichtbarkeit für das, was bereits entsteht.