Deutschland als Gründungsstandort: Das klingt in vielen Diskussionen nach Bürokratie, Kapitalmangel und verpassten Chancen. Doch die Realität zeichnet ein anderes Bild: Die deutsche Start-up-Szene ist innovativ, wettbewerbsfähig und sieht Deutschland sowie Europa in einem deutlich positiveren Licht als früher.
Trendwende: Die USA verlieren an Glanz
Die jüngste Befragung der Bitkom-Initiative Get Started unter Unicorn-Gründer:innen zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung: Nur noch 7 Prozent würden sich aktuell für eine Gründung in den USA entscheiden. Vor einem Jahr waren es noch 24 Prozent. Dagegen würden 57 Prozent erneut in Deutschland gründen, gegenüber 47 Prozent im Vorjahr. Auch die EU gewinnt an Attraktivität: 21 Prozent würden ein anderes europäisches Land wählen.
Diese Zahlen spiegeln ein verändertes geopolitisches Klima wider. Die Hälfte der befragten Gründer:innen erwartet, dass Deutschland in den kommenden zwölf Monaten als Standort für innovative Tech-Unternehmen attraktiver wird. Im Vorjahr teilte nicht einmal ein Drittel diese Einschätzung.
Europas Spitze: Mehr deutsche Unicorn-Kandidaten als aus jedem anderen Land
Dass die deutsche Startup-Szene erfolgreich ist und international Aufmerksamkeit erzielt, zeigt die aktuelle Tech-Tour-Analyse der führenden europäischen Kapitalgeber. In ihrer Liste der 50 am schnellsten wachsenden und einflussreichsten wagniskapitalfinanzierten Technologieunternehmen Europas stellt Deutschland 13 Firmen. Damit weist die Bundesrepublik mehr „Soonicorns“ (Unternehmen, die zum Unicorn mit Milliardenbewertung werden können) auf als jedes andere europäische Land. Die hiesige Szene hat Frankreich damit im Ranking überholt.
Bereits Anfang 2026 erreichte mit Osapiens das erste deutsche Startup des Jahres den Einhorn-Status. Im Vorjahr schafften fünf deutsche Firmen den Sprung über die Milliardenbewertung: die KI-Spezialisten Parloa, N8N und Black Forest Labs sowie der Quantenspezialist IQM und der Drohnenhersteller Quantum Systems.
Innovationen mit Substanz: Von Batterie-Recycling bis Waldbranderkennung
Die potenziellen neuen Einhörner zeigen innovative Tiefe und Breite:
Cylib aus Nordrhein-Westfalen baut eine Recyclinganlage für 60.000 Tonnen Altbatterien jährlich und verspricht, 90 Prozent der Rohstoffe zurückzugewinnen.
Ororatech betreibt das weltweit größte kommerzielle Netzwerk für satellitengestützte Wärmebildaufklärung zur Waldbranderkennung und plant, seine Flotte bis Ende 2027 auf 100 Satelliten auszubauen.
Instagrid liefert tragbare Batteriesysteme für Baustellen, Veranstaltungen und zunehmend auch für Armeen – nach einem ersten Großauftrag der Bundeswehr folgen Anfragen aus europäischen Partnerländern.
Amboss unterstützt als digitale Wissensplattform Ärzt:innen weltweit – KI inklusive. 2025 sammelte das Unternehmen allein 240 Millionen Dollar ein und erreicht weltweit mehr als eine Million Medizinprofis.
Was jetzt zählt: Bürokratie abbauen, Sichtbarkeit schaffen
Natürlich bleibt trotz der positiven Signale Handlungsbedarf, um den Aufwind zu verstärken. 79 Prozent der vom Bitkom befragten Unicorn-Gründer:innen fordern deutlichen Bürokratieabbau, 64 Prozent plädieren für einen erleichterten Marktzugang durch Harmonisierung des EU-Binnenmarkts.
Mindestens ebenso wichtig: die kommunikative Sichtbarkeit. Gute Ideen müssen sichtbar, verständlich und überzeugend präsentiert werden. Strategische Innovationskommunikation kann entscheidend dazu beitragen, Vertrauen in neue Technologien aufzubauen und Gründer:innen den Zugang zu relevanten Stakeholdern zu öffnen.
Fazit: Der Standort ist besser als sein Ruf
Die deutsche Start-up-Landschaft besitzt viel Innovationskraft. Mit 29 Unicorns und einer Pipeline vielversprechender Kandidat:innen steht der Standort besser da als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt. Die geopolitische Neuordnung macht Deutschland und Europa dabei attraktiver für Gründungen. Jetzt gilt es, die Chance daraus zu nutzen.
Wie Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst es formuliert: „Mehr innovative, wachstumsstarke Start-ups sind ein wichtiger Beitrag für digitale Souveränität.” Die Voraussetzungen dafür sind da. Was es jetzt braucht: schnelle Umsetzung struktureller Reformen. Und Kommunikation, die Innovationen sichtbar macht.